Vertrauen verbindet
Kultur- und Religionssensibilität bei Partnerschaftsgewalt gegen muslimisch gelesene Frauen
Gewalt gegen Frauen stellt nach wie vor eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen dar. Besonders Partnerschaftsgewalt ist dabei ein weit verbreitetes Phänomen. Allein im Jahr 2024 sind 171.069 Personen Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden, 79,4% davon Frauen. Laut Bundeskriminalamt sind die Fallzahlen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, wobei weibliche Betroffene den überwiegenden Anteil ausmachen. Gleichzeitig ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen, da viele Betroffene Gewalt aus Scham, Angst oder mangelndem Vertrauen in Institutionen nicht anzeigen¹. Für viele Betroffene ist der Zugang zu Schutz- und Unterstützungsangeboten mit erheblichen Hürden verbunden.
Insbesondere Frauen mit Migrations- und/oder Fluchterfahrung können beim Zugang zu Schutz- und Unterstützungsangeboten zusätzlichen Hürden begegnen. Dazu zählen Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus ebenso wie fehlende Kenntnisse über eigene Rechte und Unterstützungsmöglichkeiten sowie institutionelle und sprachliche Barrieren², die die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten zusätzlich erschweren.
Diese Erkenntnisse spiegeln auch die langjährigen Erfahrungen von der Gründerin und Vorstandsvorsitzenden des BBF e.V. Frau Gülhanım Karaduman-Çerkeş wider, die seit über zehn Jahren im Bereich der Prävention häuslicher Gewalt in Berlin tätig ist, insbesondere innerhalb der muslimischen Community.
Sie weiß aus der Praxis, dass Vertrauen in Polizei und Hilfesystem eine zentrale Voraussetzung für die Inanspruchnahme von Gewaltschutzmaßnahmen ist. Gleichzeitig prägen Scham, Angst und gesellschaftliche Tabuisierung häufig den Umgang mit Partnerschaftsgewalt. „Darüber redet man nicht – da müssen wir von wegkommen“, betont die Projektleiterin. Gerade deshalb braucht es vertrauensvolle, diskriminierungssensible und niedrigschwellige Unterstützungsstrukturen.
An dieser Stelle setzt das Projekt „Vertrauen verbindet“ an. Das zentrale Ziel ist es, von Partnerschaftsgewalt betroffene muslimisch gelesene* Frauen bei der Inanspruchnahme von Unterstützung zu fördern und ihr Vertrauen in die Polizei und das weitere Hilfesystem nachhaltig zu stärken.
Dies erfolgt durch die Entwicklung und Vermittlung kultur- und religionssensibler** Kompetenzen, die im Rahmen praxisorientierter Schulungen an relevante Akteur*innen aus Polizei und Hilfesystem weitergegeben werden.
Die spezifischen Barrieren und Bedarfe im Hinblick auf Sensibilisierung, interkulturelle Kompetenzen und diskriminierungsfreie Interventionsstrategien bei polizeilichen und hilfesystemischen Akteur*innen wurden im ersten Projektjahr im Rahmen einer begleitenden Forschung erhoben.
Die Ergebnisse bilden die Grundlage für die Konzeption und Durchführung der bundesweiten, kostenfreien sowie kultur- und religionssensiblen** praxisorientierten Schulungen für polizeiliche und hilfesystemische Akteur*innen im zweiten Projektjahr.
Die erste praxisorientierte Schulung wurde zu Beginn des zweiten Quartals 2026 in Zusammenarbeit mit den Stadtteilmüttern durchgeführt.


Aktuell sind fünf weitere praxisorientierte Schulungen mit Akteur*innen aus staatlichen und nicht-staatlichen Hilfesystemen geplant. Ziel ist es, langfristig zu einer diskriminierungsfreien Unterstützungskultur beizutragen, in der Gewalt nicht tabuisiert wird und betroffene Frauen in ihrer Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit gestärkt werden.
Das Projekt findet in Kooperation mit der Katholischen Hochschule für Sozialwesens Berlin statt. Ein regelmäßiger Austausch der Projektleitung mit den Kooperationspartner*innen gewährleistet dabei eine kontinuierliche wissenschaftliche Begleitung und fachliche Einbindung.
„Vertrauen verbindet – Kultur- und Religionssensibilität bei Partnerschaftsgewalt gegen muslimisch gelesene Frauen“ wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert.
* Muslimisch gelesen = aufgrund des Namens, äußerer Merkmale oder der (vermuteten) Herkunft von Personen, die als Muslime wahrgenommen werden. Eine Person, die auch von möglichem antimuslimischen Rassismus betroffen ist.
** Kultur- und Religionssensibilität = Die Fähigkeit, unterschiedliche kulturelle und religiöse Hintergründe, sowie deren tiefgreifende Bedeutung für das Leben, Entscheidungen und Bedürfnisse nachzuvollziehen.
Das Projekt erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Schwesterprojekt DIALOGisch an der Universität Wuppertal statt.
Quellen:
¹ Bundeskriminalamt (2025): Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2024. Online verfügbar unter https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_HaeuslicheGewalt2024.html (zuletzt abgerufen am 20.05.2026)
² Hulley, J., Bailey, L., Kirkman, G., Gibbs, G. R., Gomersall, T., Latif, A. & Jones, A. (2022). Intimate Partner Violence and Barriers to Help-Seeking Among Black, Asian, Minority Ethnic and Immigrant Women: A Qualitative Metasynthesis of Global Research. Trauma Violence & Abuse, 24(2), 1001–1015. https://doi.org/10.1177/15248380211050590